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Die folgenden kleinen Geschichten hat Herr Dr. med. C. Wächtler aufgeschrieben und für die Chronik zur Verfügung gestellt.

 

Meine ersten 8 Lebensjahre – in Beringstedt

Von Todenbüttel nach Beringstedt: Meine Eltern waren, im Gepäck mein noch ganz junger Bruder Uwe und die 2 älteren Kinder Christian und Sieglinde (ihre Mutter, 1. Ehefrau meines Vaters, war wenige Jahre zuvor gestorben), aus der Unterkunft in Todenbüttel nach Beringstedt in das Schulgebäude umgezogen. In Todenbüttel hatten uns Verwandte meiner Mutter liebevoll nach ihrer Flucht aus Dresden aufgenommen. Unsere Verwandten besaßen die Ziegelei in Todenbüttel. In Beringstedt war Vater Hellmut bereits seit 1945 Schulleiter – als Nachfolger des aus Altersgründen ausgeschiedenen Max Göttsche. Mein Bruder Uwe war noch in Todenbüttel geboren (1945). Ich folgte 1947 in Beringstedt – wie mein Bruder es erinnert: als Hausgeburt in der Schulwohnung. Mit Todenbüttel verbindet unsere Familie die tiefe Dankbarkeit für die Liebestat unserer Verwandten.

Lehrer Göttsche in seinem Schulgarten vor seiner Dienstwohnung ca. 1921/22 aufgenommen.

Auch der 2. Lehrer (Wohnung oben) hatte hier ein Stück Gartenland

 

1 Rückseite Schule mit Lehrer Göttsche

Ein Bericht aus dem Jahr 1920 (erste Schulchronik 1884 - 1928): 

In diesem Frühjahr wurde die Veranda der 1. Lehrerwohnung mit einer Tür versehen und Zimmermeister Schütt übernahm die Baulichkeiten für 800-850 Mark. – Das Abflußwasser aus meiner Küche wurde mit dem Abflußwasser der Waschküche in meinem Garten geleitet. Die Röhren gehen östlich der Pumpe und zwischen dem 2. u. 3. Apfelbaum, von Osten gerechnet, entlang.

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Ein Schulbild aus den 1950er Jahren

Schule in den 1960ern

nächstes Bild: Lehrer Wächtler mit seinen Schulkindern

Er war von 1945 – 55 Lehrer in Beringstedt

1945 – 50 als 2. Lehrer, dann als 1. Lehrer (Hauptlehrer)

Siefried Hinz von 1948 Lehrer

Das obige Bild wurde von Siegfried Hinz (sitzend ganz rechts) zur Verfügung gestellt.

 

Bild unten: Hauptlehrer Hellmut Wächtler beim Umzug, Vogelschießen in Beringstedt.

Dieses Bild wurde von Wilhelm Lamprecht zur Verfügung gestellt. Ganz links im Bild zu sehen.

Haus Greve

Frau Wächtler übernahm 1950 die 3. Lehrerstelle in Beringstedt, weil es nach dem Krieg doppelt so viele Schul-Kinder in Beringstedt gab, als vor dem Krieg.

Nachdem die Volksküche aufgelöst wurde, entstand im Nebengebäude auf dem Schulberg ein

 3. Klassenzimmer (heute das Feuerwehr-Gerätehaus, Neubau 1974)

 Bild mit Frauke Willms

Lehrerin Frau Wächtler mit ihren Schulkindern und Söhnen Claus und Uwe.

Aus der ersten Ehe von Hellmut Wächtler gab es noch 2 Kinder: Christian und Sieglinde.

 

Familie Krogh Schulberg

Am rechten Bildrand das ehemalige Gebäude, in dem die Volksküche eingerichtet wurde und danach zum 3. Klassenzimmer umgebuat wurde für die vielen Schüler in Beringstedt.

Dieses Bild wurde von Waltraut Küpers für die Chronik zur Verfügung gestellt.

 

Beringstedt war ein Paradies für Kinder.

Nur Spaß – Sandkistenrennen im Schulgarten: Der Schulgarten war groß und – obwohl auch als Nutzgarten gebraucht – „wild“. Er erstreckte sich auch auf die Fläche, die heute für die Badeanstalt genutzt wird. Das Schulgebäude stand wie heute etwas erhöht, die Wege fielen in Richtung Bahnhof ab. Wir hatten uns rollende „Seifenkisten“ gebaut – ich erinnere nicht, aus welchem Grundstoff der Sandkistenkörper bestand. Als schützende „Sturzhelme“ nutzen wir aus dem 2. WK übriggebliebene Gasmasken – wie wir es unter den eng anliegenden Gummimasken mit schnauzenförmigem Filter aushielten, erinnere ich nicht. Auf jeden Fall war es ein großen Spass, wenn wir Wettfahrten die gewundenen Wege herunter zum unteren Ende des Gartens machten. Es war, so meine ich heute, eine Art abenteuerliche und lustvolle und Distanz schaffende „Aneignung“ der brutalen Weltgeschichte, die nur 3 – 5 Je. zuvor zu Ende gegangen war.

 

Ein Luftbild vom ehemaligen Lehrergarten, in dem 1965 das Freibad eröffnet wurde.

Luftbild Schwimmbad

 

Zum Schwimmen zum Ostermühlenteich – großer Spaß, viel Vertrauen den Kleinen gegenüber, über Wiese mit Kühen, 1x durchs Gewitter: In der „Schulchronik“ von Beringstedt las ich, daß mein Vater Schwimmunterricht am Ostermühlenteich gab – daran habe ich keine Erinnerung. Mit großer Wonne und ohne große Kenntnisse, auch ohne begleitende Erwachsene – die „Aufsichtspersonen“ waren die älteren Geschwister - sprangen wir in den Sommermonaten in den Ostermühlenteich. Um dorthin zu gelangen, gingen wir einen schmalen Pfad, hinter der Schule, am Sportplatz vorbei, der uns auch über eine Wiese mit Kühen führte – da man immer wieder von Angriffen „wilder“ Kühe auf Menschen liest, ein nicht ungefährlicher Weg. Alternativ badeten wir auch in einer in der Nähe fließenden Au – wenn ich auf die Karte schaue, könnte es die Haalerau gewesen sein. Einmal zog ein schweres Gewitter auf – wir packten unsere Sachen am Teich und rannten los. Das Gewitter ergriff uns mit voller Kraft. Es stürmte, es regnete in Kübeln, es blitzte und donnerte – ich hatte furchtbare Angst. Durchnäßt, zitternd vor Kälte und Angst, kamen wir zu Hause an – und ich erinnere, wie wir von unserer Mutter in einen Bottich mit warmem Wasser gesetzt wurden und froh waren, keine Schimpfe zu bekommen. Schwimmen gelernt – die Jugendschwimmabzeichen gemacht - habe ich erst später, im Einfelder See.

Das verlorene „Paket“ – es nicht ausgehalten: Eigentlich als Spaß gedacht, verpackten mein bester Freund und ich eines Tages in einem Paket alte vergammelte Äpfel aus unserem Garten und schrieben irgendeine Phantasieadresse drauf – schreiben mußten wir da schon können. Wir legten das Paket auf der Dorfstraße ab und positionierten uns hinter einer Hecke. Bald kam ein Dorfbewohner vorbei und brachte das scheinbar verloren gegangene Paket zur Post – damals kurz vor dem Bahnübergang in der Nähe des Bahnhofs gelegen. Aus „Spaß“ wurde Spannung, die wir nicht aushielten. Reumütig liefen wir zur Post und gestanden. Komischerweise gab es kein Donnerwetter von den damals noch hochangesehenen Beamten. Das folgte aber am Abend, als mein Vater davon erfuhr und seine „Erziehungspflichten“ übernahm. Das tat weh. Geblieben ist aber mehr die Erinnerung an ein „Abenteuer“ als an das Donnerwetter.

Unbequem – ziemlich eklig – und richtig peinlich: Nur andeuten will ich eine weitere Erinnerung: Toiletten mit Spülung gab es damals, kurz nach Kriegsende, nicht. Unsere Toilette war ein „Plumpsklo“, draußen, in einer der Stallungen gelegen, an den Schulhof grenzend. Wir trugen von meiner Mutter selbst gefertigte Hosen mit langen angenähten Hosenträgern. 1x war es mir offenbar nicht aufgefallen, daß meine Hosenträger in das Klo-loch hingen – alles Weitere brauche ich nicht näher zu beschreiben. Weinend und laut schreiend lief ich zurück zu unserer Wohnung in der Schule – und wurde liebevoll von unserem Kindermädchen, „Walla“, getröstet und versorgt.

Meine geliebte Katze – die Krätze – erste tiefe Trauer: Uns war eine junge Katze zugelaufen. Ich liebte sie – sie kroch in mich praktisch hinein (es gibt ein Foto davon). Dann juckte es mich am ganzen Körper. Der Hausarzt stellte Krätze fest. Als Verursacher wurde rasch unser Kätzchen identifiziert. Ich bekam irgendeine Paste oder Tinktur. Für die Erwachsenen war klar: die Katze mußte getötet werden. Ich erinnere noch, wie mein Bruder und ich an einem der Fester, die zum Schulgarten zeigten, hockten und beobachteten, wie der Bürgermeister, ich glaube, er hieß Hans Grewe, Freund meines Vaters, mit einem Stock den Garten durchkämmte und die Katze suchte. Schließlich fanden wir den erschlagenen Kadaver auf dem Abfall liegen. Tiefe, wohl meine erste wirkliche Trauer.

Ich bin überaus dankbar, wie freundlich wir aufgenommen wurden, trotz „Überschwemmung“ der schleswig-holsteinischen Dörfer durch Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg. Gut war natürlich, daß die Flüchtlinge auch Kompetenzen mitbrachten - meine Eltern z.B. als ausgebildete und erfahrene Lehrer.

Abschied aus dem Paradies: 1955 zogen wir weg, weil mein 2 Je. älterer Bruder Uwe nach Abschluß der 4. Grundschulklasse ins Gymnasium wechseln sollte und unsere Eltern ihm – und später mir – die tägliche Bahnfahrt nach Neumünster ersparen wollten. Zudem wurden in Einfeld bei Neumünster dringend Lehrer gebraucht – nach Einfeld waren viele Kieler Familien wegen der Bombardierung der Marinestadt Kiel umgesiedelt worden. Ein vernünftiger Entschluß meiner Eltern. Mir aber blutete das Herz. Ich verabschiedete mich von meinen Freunden, der vertrauten Wohnung im Schulgebäude und der gemütlichen Dorfschule, der schier unbegrenzten Natur – ich verließ das Paradies meiner Kindheit. Die nä. 2 ½ Jahre, bei einem überaus unfreundlichen Klassenlehrer in der „Volksschule“ und mit Schulkameraden, bei denen das Recht des Stärkeren galt, waren für mich ein bitteres Ankommen in einer anderen Realität. Sicher hat diese Zeit mich gelehrt, Abschied zu nehmen und mich an Widrigkeiten anzupassen. Den seelischen Schmerz spüre ich aber bis heute. Mit Eintritt in das Gymnasium der Holstenschule in Neumünster fand ich zum Glück ein in jeder Hinsicht bildendes Milieu vor.

 

 

C. Wächtler, Hamburg, November 2025

 

 

Anmerkung:  Dr. med. C. Wächtler praktizierte lange Zeit in Hamburg als Psychiater und Therapeut. Hauptsächlich mit Patienten, die erst spät über ihre traumatischen Erlebnisse im 2. Weltkrieg sprechen konnten. Heute (2026) ist er 79 Jahre alt und arbeitet nebenbei immer noch.

Im Frühjahr 2025 nahm er Kontakt mit mir auf, um seine alte Heimat aus Kindheitstagen zu besuchen und stand dann eines Tages in Beringstedt vor meiner Tür. Zuvor besuchte er mit seiner Frau das Gelände um die alte Ziegelei in Todenbüttel und die Schule in Beringstedt, in der sein Vater unterrichtete und später auch seine Mutter, die ebenfalls Lehrerin war.

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