Steinbergstraße 17

  Bruhn Meyer Pohlmann Wendrich    Baujahr 1912

   Bruhn Meyer Pohlmann Wendrich3

Diese Bilder wurden (2019) zur Verfügung gestellt von Anke Biguss., Hwst. Es ist ihr Elternhaus.

Bild 2: Beim Nachbarhaus sieht man noch den hohen Schornstein der Bäckerei von Max und Anne Voß. Er war berühmt für seine leckeren Cremeschnitten.

Anmerkung zum Nachbarhaus Bäcker Voß: Ich (Rita Bokelmann) kann mich an ein Gespräch erinnern, in dem die Tochter von Max und Anne Voß (Ulla J.) erzählte, dass sie in Kindheitstagen, gemeinsam mit anderen Jugendlichen, im Winter in der Backstube oft für ein Theaterstück geübt haben, weil es dort immer schön warm war.

Das Haus wurde 1912 erbaut vom Ehepaar Bruhn. Er war Seefahrer. Sie vermieteten ab ca. 1939/40 einen Teil des Hauses (Dachgeschoss) an das junge Ehepaar Kurt und Ilka Meier.

Kurt Meier (*1909 +1996) arbeitete bei einer Bank in Itzehoe (Sude) und lernte hier seine Frau Ilka (*1912 +2000, geb. Stolley) kennen. Sie arbeitete ebenfalls in Itzehoe bei einer Familie als Haushaltshilfe, `in Stellung´ wie es genannt wurde und für junge Frauen allgemein üblich war. Ihr Vater, Rudolf Stolley war Bahnhofsvorsteher am Beringstedter Bahnhof. Kurt und Ilka heiraten 1939. Sie erwarten ihr 1. Kind, Helga. Im Krieg war Kurt Meier in Norwegen stationiert. Wenn er Heimaturlaub bekam, den er -wie er selber einmal sagte- „aus familientechnischen Gründen beantragte“, führte dies dazu, dass 1941 und ´42 die Kinder Horst und Anke geboren wurden.

Als der Krieg endete und die Flüchtlingswelle begann wurden in diesem Haus zusätzlich zu den bereits vorhandenen 2 Parteien 2 weitere einquartiert, weil die vielen Heimatvertriebenen irgendwo untergebracht werden mußten (organisiert vom damaligen Bürgermeister Hans Harms und der sozial sehr engagierten Wilma Illing). Bei den gebürtigen Einwohnern war dies eine von der `Regierung´ auferlegte Pflicht, die oft unfreiwillig und zähneknirschend erfüllt wurde. Auch für den Bürgermeister war diese Aufgabe mit sehr viel Fingerspitzengefühl, Überzeugungskraft und Organisationstalent verbunden. Aber der Krieg war verloren und viele Beringstedter fügten sich dieser auferlegten Situation.

Somit haben ab 1945 insgesamt 4 Familien in diesem Haus zusammengelebt, soweit dies irgendwie möglich war. Es wohnten hier:

-          Das Ehepaar Pahl (Schwiegereltern von Dr. Richard Wasmund). Sie bekamen das Zimmer im linken Teil des Hauses. Gekocht wurde auf einer sogenannten Kochhexe, ein kleiner Ofen zum Heizen und Kochen.

-          Familie Hinz, Mutter mit 4 Kindern und die Schwester der Mutter, Hulda Wutschke. Sie und Frau Hinz mit den Kindern (insges. 6 Personen) bekamen das Zimmer im EG zum Garten hin (Südostseite) 16 qm groß und ½ Küche. Herr Hinz kam erster zu Silvester 1949/50 aus der Kriegsgefangenschaft hinzu. Die Familie erhielt dann eine neue Unterkunft im Hause Küpers, Schulberg 6. Hier hatten sie dann wenigstens schon 2 Zimmer.

-          Die Familie Kurt u. Ilka Meyer mit 3 kleinen Kindern bewohnten, wie bereits erwähnt, das Dachgeschoss (Südseite). Hier gab es einen Kachelofen auf dem auch gekocht werden konnte. Er stand gleich links, wenn man die Treppe hinaufkommt. In der Gaube befand sich das Schlafzimmer für die Eltern. Das Wohnzimmer befand sich auf der Südseite (siehe Bild 1, die beiden mittleren Fenster im DG). Einen kleinen Raum unter der Dachschräge auf der Westseite diente den 3 kleinen Kindern als Schlafraum. Neben dem Wohnraum (kleines Fenster in der Dachschräge auf der Ostseite) gab es eine Waschgelegenheit. Der nördliche Teil im DG war nicht ausgebaut und hier diente eine mit Säcken abgehängte Ecke mit `Goldeimer´ als Notlösung für die menschlichen Bedürfnisse. Spültoiletten gab es nicht. Dieser Eimer war schon deshalb notwendig, damit man -wegen der Kinder- nachts und im Winter nicht nach unten gehen brauchte. Dieser Eimer wurde regelmäßig geleert, was beim Durchqueren des Hauses eine erhebliche Geruchsbelästigung für die anderen Mitbewohner erzeugte. So hieß es dann: „Nase zu, der Goldeimer kommt“.

Für das Ehepaar Bruhn verblieb das Wohnzimmer (Straßenseite rechts) sowie eine Kochgelegenheit neben der eigentlichen Küche, zum Stall nach hinten raus (hier war später die Speisekammer der Familie Meyer). Der Garten wurde vom alten Herrn Bruhn mit Argusaugen bewacht. Die Kinder im Haus durften den Gemüsegarten nicht betreten, worauf der Hausherr sehr genau achtete und seine Mitbewohner regelmäßig ermahnte. Es gab nur einen sehr schmalen Gang am Stall entlang, um den Zugang zum Haus zu ermöglichen. Herr Bruhn hörte abends gerne Radio, meist bis Mitternacht. Da sein Wohn-/Schlafzimmer direkt an das Zimmer der Familie Hinz grenzte, und nur durch eine Ziehharmonikatür getrennt war, mußten diese notgedrungen mithören und das, obwohl die Kinder am nächsten Tag Schulunterricht hatten. Erst als um Mitternacht die Nationalhymne verklungen war, war endlich Ruhe. (Kindheitserinnerung von Siegfried Hinz).

S. Hinz war es auch, der mir erzählte, dass die Gemeinde Land für die Heimatvertriebenen zur Verfügung stellte. Hier wurden Kleingärten angelegt, wo diejenigen, die sonst keine Möglichkeit hatten, Kartoffeln und Gemüse anbauen konnten. Diese gab es teils auf dem Schulberg, an der Straße nach Puls (2. Koppel, heute Möller, damals das sogenannte Schulland) und auf dem Saar. Im Moor wurden Flächen zum Torfstechen zur Verfügung gestellt. So bekam z.B. Familie Hinz später die Erlaubnis dort jedes Jahr 5000 Soden Torf zu stechen.

1955/56 wurden Kurt und Ilka Meier Eigentümer.

Die Lage hatte sich zunehmend entspannt und die Lebensumstände verbesserten sich. So wurde das Haus nach und nach den eigenen Bedürfnissen angepaßt.

Kurt M. arbeitete inzwischen als Kämmerer beim Amt Beringstedt. Die Amtsstube befand sich im Obergeschoß vom Haus Thöm (Steinbergstraße 9, heute Wöbcke-Seemann).

Zur Fußball-Weltmeisterschaft 1954 gab es im sportbegeisterten Haus Meier den ersten Fernsehapparat von ganz Beringstedt. Zum Endspiel wurden im Wohnzimmer Stühle aufgestelllt. Der ganze Raum füllte sich mit so viel Freunden, Nachbarn und Bekannte, dass kaum noch Platz vorhanden war, denn dieses außergewöhnliche Ereignis wollten viele Beringstedter miterleben.

Kurt Meier (auch Ted genannt) war sehr sportbegeistert und leitete beim Beringstedter Sportverein die Abteilungen für Faustball und sehr erfolgreich für Tischtennis. Er motivierte seinerzeit viele jugendliche Beringstedter für diesen Sport. Seine Tochter Anke erkämpfte sich gemeinsam mit Wolfgang Jahn im Schüler Mixed bei der Landesmeisterschaft 1957 in Kiel den 2. Platz Urkunde von Anke Biguss geb. Meyerund bekam dafür diese Urkunde als Anerkennung überreicht. Und das ist nur eine von vielen. Ein noch größeres Talent war sein Sohn Horst. Er gewann so ziemlich alle Meisterschaftstitel die es gab.

Ein Bild aus den 1980er Jahren mit neu gestrichener Fassade.

 Bruhn Meyer Pohlmann Wendrich1

1989 feierten Kurt und Ilka Meier hier ihre Goldene Hochzeit.

GoldeneHochzeitKurtuIlkaMeier für website

Im Jahr 2001 verkauften die Erben das Haus an Familie Pohlmann. Sie renovierten und bauten einiges um, damit die Mutter/Schwiegermutter (Frau Riese) hier mit einziehen konnte. Für sie wurde eine eigene kleine Einliegerwohnung geschaffen und das Haus bekam neue Fenster (grün/weiß) mit Wärmeschutzverglasung sowie eine neue Haustür.

2007 kaufte Fam. Wendrich dieses Haus. Das Dach wurde neu eingedeckt und die Fassade bekam einen neuen Anstrich.

Die Einliegerwohnung ist vermietet an Rolf Rasmussen.

 

...